Angestoßener Lernprozes

Es war eine spezielle Bühne, auf der die Lilien vom FC St. Pauli zum Kräftemessen gebeten wurden. Angestrahlt vom Millerntor-Flutlicht und der Beleuchtung des Sommerdoms trafen sich zwei Kontrahenten zum symbolischen Armdrücken, bei dem sich lange Zeit niemand der metaphorischen Tischplatte näherte. Schlussendlich waren es dann kleine Unachtsamkeiten, die dafür sorgten, dass die Gastgeber die Oberhand behielten. Und dadurch bei den Lilien einen Lernprozess anstießen.

Foto: Stefan Holtzem

"Uns hat in zwei entscheidenden Momenten die Gier gefehlt, unser Tor zu verteidigen", brachte Daniel Heuer Fernandes auf den Punkt, was an diesem Abend in der Hansestadt die Kräfteverhältnisse entscheidend verrückt hatte. Zwei Momente, in denen die Lilien mit "98 statt mit 100 Prozent" verteidigten, wie es Trainer Schuster ausdrückte, und die das Team das Spielfeld erstmals nach 12 Spielen mit leeren Händen verlassen ließ. Dabei hatten beide Mannschaften lange Zeit für ein Spielgeschehen gesorgt, dessen Ausgang äußert schwierig hervorzusehen war. Schlug das Pendel in den ersten 20 Minuten noch ein wenig in Richtung der "Kiezkicker", verlagerte es sich bis zum Pausenpfiff immer mehr auf die Darmstädter Seite.

Symbolisch für diese  Ausgeglichenheit stand eine Szene in der 30 Minute: Sowohl Slobodan Medojevic als auch Gegenspieler Marvin Knoll grätschen ohne Rücksicht auf sich oder den Gegenspieler zum freien Ball, trafen jeweils Leder und Bein des Kontrahenten, ließen sich behandeln und kehrten nach einem kurzen Schütteln zeitgleich auf das Spielfeld zurück. Spätestens jetzt war allen Beobachtern bewusst, dass diese Partie durch Kleinigkeiten entschieden werden würde.

"Von der Bereitschaft, dem Einsatzwillen und der Leidenschaft hat es an nichts gefehlt", zollte daher auch Schuster seiner Mannschaft Respekt für die dargebotene Einstellung und bescheinigte den Lilien "75 Minuten", die absolut in Ordnung waren. Denn über diesem Zeitraum verteidigte der SV 98 extrem konzentriert, verengte die Räume und machte es den spielerisch starken Paulianern dadurch schwer, gefährlich vor das Tor von Heuer Fernandes zu kommen. "Wir waren absolut im Spiel", erklärte der Lilien-Keeper daher zurecht und haderte ein wenig mit den beiden dicken Möglichkeiten, die seine Vorderleute in Person von Aytac Sulu und Serdar Dursun vor der Pause verzeichneten.

Doch trotz dieser positiven Ansätze waren es dann die Gastgeber, die nach Abpfiff auf die Ehrenrunde vor den eigenen Fans gehen konnten, während den Lilien nur der Gang zum Gästeblock blieb, um sich für den erneut überragenden Auswärtssupport zu bedanken. Dieser Kontrast in der Gefühlslage verstärkte dann auch das Gefühl, dass der SV 98 noch einiges an Steigerungspotenzial besitzt. "70 Minuten gute Verteidigung reicht leider nicht", resümierte daher auch Aytac Sulu, der zudem ergänzte: "Die beiden Situationen vor den Gengentoren waren nicht berauschend, da waren wir nicht stabil in den Zweikämpfen."

Und durchgängige Stabilität ist nun mal eine unverzichtbare Eigenschaft, um ein erfolgreiches Ergebnis zu erzielen. Egal, ob beim Armdrücken oder in einem Fußballspiel der 2. Bundesliga.

"Wir müssen schnell lernen, wieder die Kleinigkeiten zu beachten", gab Schuster deswegen postwendend die Marschroute für die nahe Zukunft vor, der auch Heuer Fernandes zustimmte: "Die Gegntore waren zu einfach, das darf nicht passieren. Wir werden daraus lernen und es besser machen." Die nächste Möglichkeit dazu haben die Lilien am kommenden Freitag, wenn sie in Magdeburg zur 1. Pokalrunde antreten. "Dort wollen wir zeigen, was uns stark macht", blickte Heuer Fernandes voraus und unterstrich dadurch, dass die 90 Minuten am Millerntor etwas in Gang gesetzt hatten. Und die Lilien vorbereitet in das nächste Kräftemessen gehen werden. Um schlussendlich die Partei zu sein, die den Gegenüber auf die gewünschte Seite zieht.