Moral und Charakter - auf dem Platz, auf den Rängen

Zusammengerechnet knapp eine halbe Stunde waren die Lilien während der Partie gegen Schalke 04 abgestiegen. Das wichtigste aber: Mit dem Schlusspfiff waren sie es nicht. Der Grund dafür: Darmstädter Tugenden in ihrer Reinform, die die Lilien am Ostersonntag auf den Rasen warfen. Herz, Leidenschaft, der Niemals-aufgeben-Charakter. Bis zur letzten Sekunde.

Fotos: Holtzem

"Das Gefühl beim Siegtreffer war die pure Freude", berichtete Mario Vrancic über die dritte Minute der Nachspielzeit, als Teamkollege Jerôme Gondorf zum 2:1-Siegtreffer einschob: "Ich konnte es erst kaum fassen, dass wir das Spiel hier heute in der letzten Minute gewinnen."

Dass die Lilien endlich mal ihren hohen Aufwand in etwas Zählbares ummünzen würden - noch dazu in solch dramatischer Manier - war aufgrund des Ablaufs der vergangenen Begegnungen tatsächlich immer unrealistischer geworden. Bis zum Ostersonntag. "Die Mannschaft hat sich für die Moral und den Charakter der letzten Wochen belohnt", betonte Frings auf der anschließenden Pressekonferenz und klang dabei fast erleichtert.

Nicht nur der Cheftrainer, auch alle anderen Beteiligten gaben unisono zu, dass den Lilien auch das nötige Matchglück geholfen hätte. Etwa im ersten Durchgang, als der SV 98 nach Vrancics Führungstreffer (11.) zeitweise einem enormen Powerplay ausgesetzt war. Dass die Schalker dieses nicht in Tore ummünzen konnten, lag vor allem an Michael Esser. Ein ums andere Mal rettete der Keeper spektakulär - im zweiten Durchgang parierte Esser gar einen Elfmeter gegen Guido Burgstaller (58.).

Glücklich hin oder her - Frings rief auch in Erinnerung: "Wir haben es in der letzten Zeit sehr oft andersrum gehabt: Da waren wir besser und haben verloren." Zumal gegen Schalke das angebliche Foul, das zum Strafstoß führte, extrem strittig war, und das Schiedsrichter-Gespann auch bei mehreren Verwarnungen gegen die Darmstädter falsch lag.

Während die Stimmung auch deshalb immer hitziger wurde, peitschten die Fans ihr Team vom Anpfiff weg immer wieder vorne. Bereits vor dem Spielbeginn wurde die Mannschaft mit einer beeindruckenden Choreographie begrüßt.

"Es ist brutal gut, was unsere Fans jede Woche machen", lobpreiste Frings: "Es gibt keine Pfiffe wie woanders. Stattdessen haben sie ein ganz feines Gespür für die Situation." Das bewies das Heimpublikum zusammen mit dem Gäste-Anhang auch in der Schlussphase, als gemeinsam geschwiegen wurde, nachdem ein Fan auf der Tribüne zusammengebrochen und ins Krankenhaus gebracht worden war.

Michael Esser wollte den Last-Minute-Sieg auch als Geste für die Supporter verstanden wissen: "Die Fans machen es uns ständig vor. Jetzt sind wir froh, ihnen den Sieg zurückschenken zu können." Geschafft wurde dieses Geschenk durch einen unglaublichen Kraftakt in der Schlussphase.

Mit aller Macht wehrten sich die Lilien gegen den Abstieg am Ostersonntag und belagerten in der 93. Minute noch einmal den Schalker Strafraum. Mit Erfolg. Denn aufgeben, das ist nicht in der Lilien-DNA verankert.