„Hätte mich gern von jedem persönlich verabschiedet“

Am Samstag wurde Benjamin Gorka vor Anpfiff offiziell verabschiedet. In Erinnerung bleiben wird der „Lange“ aber ewig. Im Interview erinnert sich der 33-Jährige an ganz spezielle Momente auf und neben dem Platz und lässt die Emotionen von Samstag noch einmal Revue passieren.

Foto: Huebner/Ulrich

sv98.de: Benny, knapp fünf Jahre lang Darmstadt 98. Du bist der Dienstälteste im Kader. Mit welchen Gedanken kamst du im August 2012 nach Darmstadt?

Gorka: Ich war zuvor knapp acht Monate vereinslos und froh, einen Verein in Heimatnähe gefunden zu haben, der mir die Möglichkeit geboten hat, auf hohem Niveau Fußball zu spielen. Der damalige Trainer Kosta Runjaic hat mich davon überzeugt, dass in Darmstadt etwas entsteht. Davon wollte ich ein Teil werden.

sv98.de: Es folgten knapp fünf Jahre, in denen du quasi alles erlebt hast...

Gorka: Das ist wirklich Wahnsinn. Zwei sportliche Abstiege, auch wenn der eine in Klammern steht, zwei Aufstiege und den Bundesliga-Klassenerhalt. Alle Spielzeiten waren extrem verrückt und kurios. Aber überwiegend unglaublich positiv.

sv98.de: Relegation in Bielefeld, Aufstieg gegen St. Pauli, Klassenerhalt in Berlin. Immer standest du bei Anpfiff auf dem Platz.

Gorka: Drei extrem schöne Momente. Ich weiß auch nicht, welchen ich am höchsten hängen kann. Es waren auch für den Verein extrem wichtige Spiele. Ich bin immer für Mannschaft und Verein dagewesen, egal, in welcher Form ich gebraucht wurde. In der dritten Liga war ich absolut gesetzt und unumstrittener Stammspieler bei der Partie in Bielefeld. Gegen St. Pauli war es schwierig, plötzlich in die Elf zu rutschen, aber ich habe meinen Kopf freibekommen. Es ist unfassbar schön, dass ich insbesondere in diesen drei Spielen meinen Teil zum Erfolg beitragen konnte.

sv98.de: Insgesamt 92 Pflichtspiele mit der Lilie auf der Brust. Welche bleiben noch besonders im Gedächtnis?

Gorka: Hauptsächlich sind es schon die Spiele in Bielefeld, gegen Pauli und in Berlin. Aber mein erstes Bundesligaspiel in München wird mir auch immer im Gedächtnis bleiben. Insgesamt steht eine lange Liste von Spielen, an die ich mich gerne erinnern werde.

sv98.de: Vielleicht auch die Platzwunde aus dem Düsseldorf Spiel, als du mit Verband spielen musstest?

Gorka: Eher weniger. Es ist auch nicht unbedingt eine positive Erinnerung. Aber eine Platzwunde passiert, dann spielt man eben mit Turban weiter.

sv98.de: Genau dieses Bild prangte am Samstag auf der Choreo in der Südkurve. Ein schönes Gefühl, dich dort verewigt zu sehen.

Gorka: Ein sehr schönes Gefühl. Es ist bezeichnend und auch charakteristisch für meine Art, dass die Fans gerade dieses Bild ausgewählt haben. Weil ich mich immer reingehauen habe und immer alles für diesen Verein gegeben habe. Der Anblick ist zwar nicht so schön, die Bedeutung war es aber umso mehr.

sv98.de: Bei deiner offiziellen Verabschiedung gab es eine Leinwand mit den schönsten Momenten deiner Lilien-Laufbahn. Sicherlich ein sehr emotionaler Moment…

Gorka: Wahrscheinlich der emotionalste des Tages. Da musste ich die eine oder andere Träne unterdrücken. Ich hatte damit gerechnet, mich besser im Griff zu haben, aber dieser Moment war dann schon sehr emotional.

sv98.de: Von diesen Momenten gab es am Samstag noch einige. Zunächst die Sprechchöre vor Anpfiff und dann deine Einwechslung. Was hast du gedacht, als du das Spielfeld betrete hast?

Gorka: Überhaupt nichts mehr. Ich wollte nur das Beste für die Mannschaft herausholen, eventuell bei einem Standard offensiv noch etwas reißen. Ich war im absolut im Tunnel und habe auch die Gesänge nicht wahrgenommen. Das Spiel habe ich aufgezeichnet und werde es mir noch einmal angucken, um mich nochmal in die Situation hineinzuversetzen.

sv98.de: Die Kopfballduelle gingen sofort an dich, jede Aktion wurde gefeiert. 6 Minuten für die Ewigkeit?

Gorka: Auf dem Platz waren die Minuten viel zu kurz, natürlich hätte ich es gerne noch länger genossen. Aber diese Sechs Minuten, die hätte ich gern für die Ewigkeit.

sv98.de: Eine Ewigkeit dauerte auch die Ehrenrunde nach Abpfiff. Du hast gefühlt jeden Fan per Handschlag verabschiedet. Du bist ein unglaublich fannaher Typ, da kennt man wahrscheinlich fast jeden Anhänger persönlich.

Gorka: Ich hätte mich am liebsten bei jedem Fan persönlich bedankt. Es waren sehr emotionale Jahre, die Fans haben mich immer wieder toll unterstützt, aber leider geht das natürlich nicht. Ich habe ganz viele Briefe von Fans bekommen, mit denen ich auch persönliche Momente teile. Ein Fan heiratet beispielsweise nun eine Frau, die er beim Spiel in Wiesbaden über mich kennengelernt hat. Das sind Momente, die mir auch abseits des Platzes bleiben. Da hätte ich mich gern von jedem Einzelnen persönlich verabschiedet.

sv98.de: Zu manchen Anhängern ist sogar eine Freundschaft entstanden. Insbesondere zu Johnny, zu dem du ein ganz besonderes Verhältnis hattest. Macht auch diese Beziehung deine Zeit hier zu einer ganz besonderen?

Gorka: Auf jeden Fall. Johnny werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Er hat mir so viel auf meinen Weg mitgegeben. Auch sein Spruch „Du musst kämpfen, es ist noch nichts verloren“ hat mir sehr geholfen. Er spiegelt auch meine letzten beiden Jahre wieder, in denen ich mich immer wieder motivieren musste, um an jedem Tag Vollgas zu geben. Dahabe ich täglich an ihn gedacht und versucht, es umzusetzen.

sv98.de: Wie wirst du die Lilien zukünftig verfolgen?

Gorka: Ich werde auf jeden Fall des Öfteren zurück ans Bölle kommen. Der Kontakt zu den Spielern werde ich halten und ich habe auch den Jungs im A-Block versprochen, mal ein Spiel mit ihnen im Block zu verfolgen. Dieses Versprechen werde ich einhalten.

sv98.de: Gibt es Worte, die dir direkt einfallen, wenn du an die Lilien denkst oder später zurückdenken wirst?

Gorka: Du musst kämpfen.